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Landmaus und Stadtmaus - Leben mit Kindern in Neetze
Meine Schwester wohnt in Berlin. Berlin kennt jeder. Ich lebe in Neetze. Neetze? Neetze – wo? Bei Lüneburg? Nahe Hamburg? Ach so. Meine Schwester ist, wie ich, verheiratet und hat vier Kinder. Genau wie ich. Vier Kinder vom Kindergarten- bis zum Vorpubertäts- Alter. Geschwister (vor allem Schwestern) konkurrieren ein Leben lang. Bei halbjährlichen Familientreffen und in wöchentlichen Telefongesprächen wetteifern wir seit Jahren in schönster Landmaus- Stadtmaus- Manier: Wer hat es besser getroffen? Wo ist es schöner? In welchem Umfeld wird – vor allem für Kinder- mehr geboten?
Großstadt- Glitzer, Großstadt- Schmuddel können es niemals aufnehmen mit unserer Landidylle. Wer will schon in den vermüllten Grunewald, zum übervölkerten Wannsee, an die verschmutzte Spree? Hier in Neetze haben wir noch richtige Natur: Wälder, Wiesen, ein sauberes Flüsschen...
Hier konnten wir unsere kleinen Kinder gesund groß ziehen; mit Waldspaziergängen, Fahrradtouren, Planschen in der Neetze, Picknicks, Bauernhofbesuchen, Klettern, Spielen, Toben in der Natur. „Aber was ist mit kulturellen Angeboten?“ stichelt meine Schwester stetig, seit meine Kinder aus Picknicklust und Bauernhofbegeisterung rausgewachsen sind, und feuert damit meine zunehmende Sorge an, wir könnten unseren Nachwuchs zu einem Leben hinterm Mond verdammen. Wo nix los ist – Provinz eben... „Wir leben am Puls der Welt. Meine Kinder könnten jeden Tag den Bundeskanzler sehen!“ schwärmt meine Schwester. – „Meine auch: Im Fernsehen!“ gifte ich zurück. „Und überhaupt? Was sollen Kinder mit dem Bundeskanzler? Der ist doch für sie so abgehoben wie der Kaiser von China. Aber wie in Neetze der Bürgermeister heißt, das weiß hier jedes Kind! Den trifft man nämlich echt: Im Supermarkt, beim Frisör... Habt ihr euren Gerhard schon mal beim Frisör getroffen? In Berlin? Na also. Von unserem Neetzer Bürgermeister dürfen die Kindergartenkinder jedes Jahr den Kartoffelacker abernten. Politik zum Anfassen – ätsch!“ Das Thema politische Bildung haben wir damit durch. Beim nächsten Mal versucht meine Schwester mit Musik aufzutrumpfen: Die Berliner Philharmonie, die Berliner Musikschulen. Soviel Auswahl! Solch hohes Niveau!
„Pah,“ sage ich, „Neetze ist zwar klein, aber wir haben: Drei Chöre für Erwachsene, einen Jugendchor und zwei Kinderchöre. Vier Flötengruppen, den Spielmannszug, den Posaunenchor, eine Trommelgruppe, mehrere Bands und den Musikgarten (musikalische Früherziehung für die Allerkleinsten). Gitarrenunterricht für alle Altersstufen und Gitarrengruppen. Die Musikschule kommt zwei mal in der Woche nach Neetze. Private Klavierlehrerinnen wohnen an allen Ecken und Enden, quasi in der Nachbarschaft. Der Posaunenchor organisiert Einzelunterricht für diverse Blasinstrumente...“ – „Schon gut,“ unterbricht meine Schwester wider Willen beeindruckt. Wir vergleichen großstädtische und „provinzielle“ Unterrichtspreise. Da ist die Provinz eindeutig familienfreundlicher. „Aber was ist mit Ballett? Tanzen ist so wichtig für Kinder,“ wechselt meine Schwester die Richtung. Meine Nichten tanzen gern. Vorher müssen sie allerdings eine Stunde mit der Straßenbahn durch Berlin gondeln. – „Ach, in Neetze können die Kinder ab fünf Jahren Volkstanz lernen. Außerdem gibt ´s Jazzdance für Mädels ab zehn. Und Ballett- wenn es sein muss- im Nachbarort.“ Wir kommen auf Sport allgemein. Und stellen fest: Viel mehr Sportarten als der TuS Neetze anbietet, gibt es auch in Berlin nicht. Skaterbahnen, Free- Climbing- Wände und künstliche Rodelbahnen haben wir hier nicht nötig: Klettern, Rodeln, Skaten kann man fast überall. Ach ja, und der Reiterhof liegt mitten im Dorf: Kein elitärer, schweineteurer Club für die Kids der oberen Zehntausend. Sondern erschwinglichen Reitunterricht für alle Kinder und so viel Pferdekontakt wie sie wollen. Mit unserem Fußballclub identifiziert sich der ganze Ort: Jede Familie hat nämlich mindestens einen Sohn, Neffen, kleinen oder großen Bruder, der in der E-, F-, G- oder was- weiß- ich- Jugend spielt. Von Pampers- bis Greisenalter kann hier jeder Fußball spielen. Oder Badminton, Handball, Tischtennis. Oder Ju- Jutsu lernen. Oder zur Feuerwehr gehen. „Euer Dorf ist nicht gerade cool für Jugendliche,“ behauptet meine Schwester. „In Berlin haben wir sozialpädagogisch betreute Jugendzentren. Wo die Jugendlichen unter sich sein, Musik hören, Darts und Kicker spielen können.“ – „Erzähl mir nichts über offene Jugendarbeit. Die praktizieren wir in Neetze schon seit über zehn Jahren,“ kontere ich und beschreibe ihr unseren durchaus „coolen“ Jugendtreff mit Musikraum, Teestube, Computern, Kicker, Bücherei und Fotolabor. Bei der Gelegenheit erwähne ich noch, was unsere Kirchengemeinde in Neetze für Familien so alles auf die Beine stellt: Krabbelgruppen, Kinderkantorei, Familiengottesdienste, Theaterprojekte, Kinderferientage... Außerdem haben wir die Jugendbildungsstätte mit tollen Wochenendseminaren für Jugendliche. Von hier werden auch Fahrten und Freizeiten für Kinder und Jugendliche organisiert. – „Vielleicht nach Berlin?“ fragt meine Schwester spitz. „Damit eure Hinterwäldler- Kinder mal ein paar Museen, berühmte Bauwerke, Denkmäler usw. zu Gesicht kriegen? Für das Geschichtsbewusstsein?“ – „Unsere Neetzer Willibrordkirche ist über siebenhundert Jahre alt und geschichtsträchtig genug,“ winke ich ab. „Da waren im dreißigjährigen Krieg sogar die Schweden drin. Und noch viel älter sind unsere Buckelgräber aus der Jungstein- und Bronzezeit, die jedes Jahr von Neetzer Grundschülern entkusselt und gepflegt werden. Also Geschichte ganz praktisch.“ Ich könnte noch viel mehr aufzählen, was Neetze für Familien attraktiv macht: Die vielen schönen Feste zum Beispiel, allen voran der Weihnachtsmarkt. Konzerte verschiedenster Art in der Kirche, Vorträge und Podiumsdiskussionen in der Schul- Aula. Vom HWK organisierte Fahrradtouren und Wanderungen. Ein Bürgerverein, in dem auch Jugendliche mitmischen und Politik „üben“ können. Ein Kindergarten mit fünf Gruppen und einem tollen Außengelände.
Eine Grundschule, deren pädagogische Konzepte nicht hinter denen von Berliner Schulen hinterher hinken (sondern in manchem sogar schon weiter sind). Aber meine Schwester hat längst aufgegeben. Das „hinterwäldlerisch“ hat sie zurück genommen. „Aber Bioläden gibt es bei euch nicht!“ war neulich ihr letzter Versuch. – „Brauchen wir auch nicht,“ war meine mitleidige Antwort. „Bei uns in Neetze ziehen wir unser eigenes Obst und Gemüse biologisch dynamisch. Oder lassen es uns von netten Nachbarn schenken. Familien mit vielen Kindern kriegen immer was ab.“ Meine Großstadt- Nichten kommen in den Ferien sehr gerne zu uns nach Neetze. In die Provinz. Den Bürgermeister haben sie auch schon gesehen. Und unsere Kinder fahren gerne zu den Cousinen nach Berlin. Zum Puls der Welt. Am tollsten finden sie da die Eisdiele in der Nachbarschaft.
M. Amelung
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